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5.   Das „Normalbewußtsein“ von Windelband

 Der Vorteil, den sich die Werttheorie mit der Bildung des Begriffs „Wert“ erhofft, nämlich die enge Bindung ans Gefühlsleben, ginge gerade mit einer objektbezogenen Wertauffassung verloren. Andererseits stünde eine aus dem wissenschaftlichen Subjekt begründete allgemeine Geltung von Werten dem je individuellen Menschen genauso abstrakt gegenüber wie Werte, die Dingen objektiv begründet anhaften sollen – falls so eine Begründung überhaupt möglich ist. Windelband erfindet, um dem Subjektivismus und der Abstraktheit bloß wissenschaftlicher Erkenntnisse zu umgehen, ein Bewusstsein zur Begründung von Werten, das sowohl wissenschaftlich ist als auch auf die empirischen Personen bezogen bleibt: das „Normalbewußtsein“.

 „(...) das ethische und das ästhetische Werten zeigen dem unbefangenen Blick eine weit ausgreifende Verschiedenheit, sobald man das Nacheinander und Nebeneinander der Völker in der Gesamtheit zu überschauen vermag. Auch hier aber versuchen wir eine letzte Form der Wertung auszuführen: wir sprechen von höheren oder niederen Stufen der Sittlichkeit oder des Geschmacks bei verschiedenen Völkern und zu verschiedenen Zeiten: woher nehmen wir den Wertmaßstab für diese  letzte Beurteilung? Und wo ist das Bewußtsein, für welches diese letzten Kriterien die Werte sind?  Wenn es unumgänglich erforderlich ist, von der Relativität in den individuellen Wertungen und in den Sitten der Völker zum Ergreifen absoluter Werte aufzusteigen, so scheint es nötig zu sein, über die historischen Formen des menschlichen Gesamtbewußtseins hinaus ein Normalbewußtsein zu denken, für welches diese Werte eben die Werte sind.“ (Einleitung, S. 254 f.)

 Was aber ist ein „Normalbewußtsein“? Es ist ein „Bewußtsein überhaupt“, das auf „einer übergreifenden Vernunftordnung“ basiert (S. 255). In Analogie zur Erkenntnistheorie begründet Windelband auch das „Normalbewußtsein“  aus der Notwendigkeit, rein denkimmanent Urteile und Theorien zu rechtfertigen. Handelt es sich in der Erkenntnistheorie „um den Wahrheitswert der Vorstellungen“ (S. 256), dann ist das „Normalbewußtsein“ als wertsetzende Instanz in strenger Analogie zur Erkenntnistheorie gedacht, ja die Erkenntnistheorie impliziert bereits dieses „Normalbewußtsein“ , wenn sie den „Wahrheitswert“ bestimmt. Das Normalbewusstsein ist das, was Kant die „transzendentale Einheit der Apperzeption“ nennt. Aber während bei Kant diese Einheit nur formal ist, auf die Daten der Wahrnehmung der Erscheinungen, die von einer unbekannten Ursache, die extramental gedacht ist, angewiesen ist, sind bei Windelband die Erscheinungen immer schon als etwas gedacht, das unser Bewusstsein in sich vorfindet und das „Ding an sich“ wird zur Metapher, es gehört zur sachlichen Ordnung der Erscheinungen, die das Bewusstsein immanent setzt. 

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 „Da es Gegenstände nur für ein vorstellendes und erkennendes Bewußtsein gibt, so wies der Gegenstand, der die Norm der Wahrheit bilden sollte, auf ein ‚Bewußtsein überhaupt’ als auf dasjenige hin, für das er Gegenstand sein sollte. Genau wie beim Ding-an-sich steht es bei dem Wert-an-sich. Wir müssen ihn suchen, um aus der Relativität des tatsächlichen Wertens herauszukommen, und da es Wert nur in Beziehung auf ein wertendes Bewußtsein gibt, so deutet auch der Wert-an-sich auf dasselbe Normalbewußtsein hin, das der Erkenntnistheorie als Korrelat zu dem Gegenstand-an-sich vorschwebt.“ (Einleitung, S. 255)

 Ein Bewusstsein aber, das hermetisch in sich geschlossen ist, hat kein Kriterium in seiner reinen Immanenz, das eine bloß fantastische Ordnung der Dinge und Werte von einer wirklichen Ordnung der Dinge und einer allgemein verbindlichen Begründung von „Werten“ unterscheiden könnte. Damit es nicht zu einem bloß zusammenfantasierten Bewusstsein wird, muss es eine „sachliche Ordnung“ und „absolute Werte“ in sich vorfinden, oder genauer, eine solche Ordnung in sich behaupten. Genau von diesen erkenntnistheoretischen Idealismus geht Windelband aus.

 „Jenes Normalbewußtsein, auf welches die Erkenntnistheorie stößt, bedeutet doch, im Grunde genommen, nur dies, daß die Wahrheit unserer Erkenntnisse und die Berechtigung, in unserem Wissen ein Erkennen des Wirklichen zu sehen, darauf begründet sind, daß darin eine über die spezifisch menschliche Vorstellungsweise in ihrer Geltung hinausragende sachliche Ordnung zutage tritt. Ebenso beruht die Ueberzeugung, daß es für das menschliche Werten absolute, über die empirischen Anlässe seiner Betätigung erhabene Normen gibt, auf der Voraussetzung, daß auch darin eine übergreifende Vernunftordnung zur Herrschaft gelangt.“ (Einleitung, S. 246)

 Eine „übergreifende Vernunftordnung“ kann man entweder annehmen, weil sie sich im Verlauf der Geschichte offenbart, wie Hegel meinte (vgl. Teil I, 1.2.), oder sie wird von einer Gottheit vorgegeben gedacht. Diese letztere Schlussfolgerung muss Windelband ziehen, nachdem sich Hegels Vernunftoptimismus in der Geschichte anhand des wirklichen Geschichtsverlaufs zerschlagen hatte. „Sobald man nun diese Ordnung als Inhalte eines realen höheren Bewußtseins in Analogie zu dem in uns erlebten Verhältnis des Bewußtseins zu seinen Gegenständen und Werten denken will, müssen sie als die Inhaltsbestimmungen einer absoluten Vernunft, d.h. Gottes, vorgestellt werden.“ (Einleitung, S. 255 f.)  Zwar soll die Korrelation zwischen absoluten Werten und der „Relativität des tatsächlichen Wertens“ bloß als „Postulat“ (S. 255) gedacht werden, nicht als „metaphysische Erkenntnis“, aber wäre es tatsächlich nur ein bloß anzunehmendes, also hypothetisches Postulat, dann liefe die Begründung der „absoluten Werte“ auf eine bloße Behauptung hinaus, die sich aus einer fraglichen Erkenntnistheorie ergibt. Letztlich läuft es doch auf eine metaphysische Erkenntnis hinaus.

 Hatte Kant das Postulat von einem Gott in seiner Moralphilosophie eingeführt, um zu seiner Zeit nicht als Atheist angeklagt zu werden, also aus außerphilosophischen Gründen, denn es widerspricht seiner Begründung des Moralgesetzes aus der Autonomie des Menschen, so muss Windelband zwangsläufig auf diesen irrationalen Punkt seine Wertlehre bestehen, soll seine hermetische Erkenntnislehre von Wahngebilden unterscheidbar sein. Ein Wahngebilde, die Gottheit, kann aber nicht andere Wahngebilde, die behaupteten „absoluten Werte“, begründen, im Gegenteil, die ganze Konstruktion wird absurd. Letztlich läuft alles auf den Glauben an Gott hinaus und gegenüber dem bloßen gefühlsmäßigen Werten der empirischen Individuen wäre nichts gewonnen. Nach dem theoretischen Zerfall der Theologie seit dem 14. Jahrhundert gibt es eine solche Vielfalt widersprechender Gottesvorstellungen, wie es Kirchen und Sekten oder gar gläubige Individuen gibt. 

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6.  Der axiologische Gottesbeweis

    Kritik der wertsetzenden Theologie von Windelband

 Die von Kant postulierte Begrenzung der Erkenntnis auf Gegenstände möglicher Erfahrung wird durch die Negation der Differenz zwischen Denken und Sein (im „Ding an sich“ bezeichnet) aufgehoben und alle Grenzen werden ins Denken verlagert, so dass der Weg zur „Schwärmerei“ (Kant) wieder geöffnet wird. Resultat dieser Schwärmerei ist die positive Bestimmung Gottes als Grund für die „absoluten Werte“.

 Windelband geht wie schon Lotze vom „Verlangen nach letzten und absoluten Prinzipien der Wertung“ aus. Da diese einen höheren Geist als ihren Begründer voraussetzen, muss es einen Gott geben. Das bürgerliche Bewusstsein der Philosophie des Neukantianismus verlangt einen Gott, um seine „Werte“ zu begründen, und weil es einen Gott gäbe, wären die „Werte“ gerechtfertigt. Eine hermetische Erkenntnistheorie muss sich zwangsläufig zirkulär begründen. Andererseits kann Windelband als Neukantianer die prinzipielle Kritik der Gottesbeweise aus Kants „Kritik der reinen Vernunft“ nicht übergehen – also erfindet er einen axiologischen Gottesbeweis:

 Da wir für die wissenschaftliche Konstruktion angeblich absolute Werte bräuchten, müsste es einen Gott als ihren Urheber und Garanten geben. Und weil wir absolute Werte hätten, wäre auch ihr „höherer Grund“ bewiesen. Der höhere Geist erweist sich als bloße Tautologie. Entscheidend ist letztlich nur das „Verlangen“ des bürgerlichen Geistes nach ideologischer Absicherung seiner Welt. „Der Fortschritt in der Entwicklung des Gesamtbewußtseins besteht dabei, wie wir gesehen haben, in dem Sündenfall des Individuums, das sich gegen die herrschende Wertung auflehnt. Dabei aber beruft sich das Individuum nicht auf seine persönliche Willkür, sondern vielmehr auf einen Appell an eine höhere Instanz: es greift von dem zeitlich Geltenden auf das ewige und göttliche Gesetz zurück und verteidigt dies gegen eine Welt des Widerspruchs. So vertritt der Forscher und Denker sein neues Erringnis, so der Reformator sein Ideal, so der Künstler seine neue Gestaltung, und in ihnen allen greift somit das Gewissen über die soziale Erscheinungsform des Gesamtbewußtseins hinaus zu seinem transzendenten und metaphysischen Wesen.“ (Einleitung, S. 393)

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 Beweis ist Windelband dabei der Fortschritt im Bewusstsein. „Gewiß laufen dabei die mannigfachsten Täuschungen mit unter: aber so viel die falschen Propheten irren mögen, so bleibt doch das unverbrüchliche Recht eines Appells an die höchste Instanz bestehen. Wir sind gewohnt, dies Verhältnis auf dem Gebiete der Erkenntnis durchaus anzuerkennen, aber warum soll es nicht auch für die Konflikte des ethischen und des ästhetischen Lebens gelten?“ (Einleitung, S. 393)

 Die Bedingung der Möglichkeit des geistigen Fortschritts ist ihm „eine überweltliche Instanz“. „In diesem Sinne verlangt das Wertleben eine metaphysische Verankerung, und wenn man jenen übererfahrungsmäßigen Lebenszusammenhang der Persönlichkeiten mit dem Namen der Gottheit bezeichnet, so kann man sagen, daß ihre Realität mit dem Gewissen selbst gegeben ist. So real wie das Gewissen, so real ist Gott. Das Wertleben nun, das sich dieser Zusammenhänge bewußt ist, darf man deshalb das Leben des Menschen in Gott oder die Religion nennen. Es ist nun aber deutlich, daß dieser Gedankenzusammenhang keine Beweisführung im Sinne des empirischen Denkens ist, wohl aber ein Postulat enthält, das im Wesen des Wertes, sobald es sich über die individuell und historische Relativität erheben will, unabweislich enthalten ist. Deshalb hat diese metaphysische Verankerung des Wertens nicht bloß die Geltung eines Ueberzeugtseins oder eines Glaubens, das ja auch ein Meinen oder eine Illusion sein könnte.“ (Einleitung, S. 394 f.)  Selbst wenn alle religiösen Vorstellungen und bloß bildhaften Theologien unzutreffend als Illusionen und Fiktionen entlarvt werden können, die Beziehung des gattungsmäßigen Gewissens auf absolute Werte und ihre höhere Ursache wäre „etwas völlig Unzweifelhaftes“, ein „Faktum der reinen Vernunft“ (Einleitung, S. 395).  Der Zirkelschluss setzt sich fort im axiologischen Gottesbeweis. Die vom Bedürfnis der bürgerlichen Philosophie produzierten „Werte“ begründen eine transzendente Instanz und diese Gottheit begründet wieder die Werte. Tatsächlich sichert  sich eine bürgerliche Ideologie metaphysisch ab, indem sie die metaphysische Gottheit auf das ideologische Bedürfnis gründet. 

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 Das bürgerliche Bewusstsein in seiner Gestalt als Windelbandsche Philosophie wird zum „Normalbewußtsein“ verklärt. Das individuelle Bewusstsein hat die Pflicht, sich dem gesellschaftlichen Bewusstsein anzupassen – „der bestimmte gesellschaftliche Verband, dem es angehört, bedingt in seiner besonderen historischen Gestalt auch den Inhalt seines Pflichtbewußtseins und den Maßstab der sittlichen Beurteilung“. Mit dem richtigen Argument, dass der „abstrakte ‚natürliche’ Mensch“ nicht existiert, wird die Anpassung an die Klassengesellschaft propagiert. „Wie der ganze Inhalt unseres individuellen Daseins, so ist auch der unserer sittlichen Überzeugung durch die Gesellschaft bestimmt. Alles ethische Leben wurzelt in der Beziehung des Individuums zu seiner Gesellschaft“ (Windelband: Moral, S. 173).

 Ist diese Gesellschaft kapitalistisch und folgt aus ihr die Kolonisierung der nichteuropäischen Welt, dann legitimiert dieses „Normalbewußtsein“ jede Scheußlichkeit dieses Imperialismus’ bis hin zum Völkermord. Aus dem „sittlichen Wert der verschiedenen Gesellschaften“ ergibt sich nach Windelband die Zustimmung zur Verdrängung der Völker, die weniger sittlich sind. Gegen die allgemeine moralische Bestimmung des Menschen durch Kant, alle Menschen seien immer auch als Zwecke an sich selbst zu behandeln, wird der angeblich höhere sittliche Wert der Europäer zum „entschiedenen Beifall“, „wenn die europäische Gesellschaft durch die Ausbreitung ihrer Zivilisation, durch unsere Missionen und Eroberungen, durch Feuerwaffen und Feuerwasser, eine nach der anderen von den ‚wilden’ Gesellschaften physisch und geistig ruiniert und mit der Zeit vom Erdboden verdrängt. Wir würden mit dieser Zustimmung lediglich das brutale Recht der Gewalt sanktionieren, wenn wir nicht der Überzeugung wären, daß die siegreiche Gesellschaft den höheren ethischen Wert repräsentiert.“ (Windelband: Moral, S. 176) Der „ethische Imperialismus“ eines Prinz Max von Baden wird hier neukantianisch-philosophisch bis hin zum Völkermord begründet (vgl. Gaßmann: Ethik, S. 192 ff.).

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Stand: 24. Juli 2006